01.Juli 2010
Editorial
Jetzt liegen die Zahlen auf dem Tisch: Noch nie wurden in der Bundesrepublik so wenige Kinder geboren wie 2009. Mit 651 000 waren dies 24 000 und damit 3,6 Prozent weniger als in 2008 (vgl. Seite 34 dieser Ausgabe). Damit setzt sich die Entwicklung vergangener Jahre fort – trotz intensiver Versuche, dem Geburtenrückgang mit Elterngeld und dem Ausbau der Kinderbetreuung entgegenzuwirken. Trotz dieser familienpolitischen Bankrotterklärung hatte Familienministerin Kristina Schröder dennoch eine „gute Nachricht“ zur Hand: Die Geburtenrate bleibe in Deutschland weitgehend konstant. Bei allem Verständnis für Zweckoptimismus sollte hier allerdings ergänzt werden, dass die Geburtenrate mit 1,4 im internationalen Vergleich auf äußerst niedrigem Niveau konstant blieb: In den USA liegt diese bei 2,2, in Frankreich bei 1,9 und in Schweden bei 1,8. Wenn Frau Schröder nun bei der Ursachenforschung die Wirtschaftskrise und die damit verbundene Angst um den Arbeitsplatz nennt, muss man sich fragen, warum die globale Wirtschaftskrise international offenbar derart unterschiedliche Effekte zeigt. Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung benennt einen anderen Aspekt für die deutsche Situation: Es könne sein, dass das Elterngeld den Trend verstärke, die Geburt des ersten Kindes aufzuschieben. Die Demografin Michaela Kreyenfeld wird mit der Aussage zitiert: „Ich gehe davon aus, dass dieser Prozess in Deutschland bald zum Erliegen kommt und die Geburtenrate in naher Zukunft steigen wird.“
Die Familienplanung ist zentraler Bestandteil unserer frauenärztlichen Tätigkeit. Wir wissen sehr gut, dass mit dem Aufschieben des Kinderwunsches vor allem auch die Gefahr besteht, dass die Ovarialfunktion „zum Erliegen kommt“. Und dann ist uns auch noch ein anderer Aspekt vor Augen: Das sogenannte „Gesundheitsmodernisierungsgesetz“ bürdet allen gesetzlich versicherten Paaren für eine effektive Kinderwunschbehandlung erhebliche eigene Kosten auf und enthält Paaren von unter 25 Jahren die Kostenübernahme für assistierte Fortpflanzungsmethoden komplett vor. Dieses Gesetz aus 2003 hat die Zahl jährlicher IVF/ICSI-Behandlungzyklen dauerhaft fast halbiert, sodass alleine dadurch jährlich etwa 10 000 Babys weniger geboren werden. Dazu aber schweigt die Ministerin! Vielleicht sollte man neben den Demoskopen und Finanzplanern doch auch uns Frauenärztinnen und -ärzte zurate ziehen, wenn es um Familienplanung geht. Sonst müssten wir uns eben ungefragt einmischen!
Dabei wünsche ich Ihnen viel Kraft und Elan!
Ihr
Christian J. Thaler
Chefredakteur
gyne 07/2010, Seite 3
