13.Dezember 2011
Editorial
Individuelles Leben und Erleben unserer Patientinnen wird wesentlich geprägt von zwei endokrinologisch determinierten Eckpunkten: Menarche und Menopause. Während sich das durchschnittliche Menopausealter in unserem Umfeld in den vergangenen Jahrhunderten allenfalls geringfügig erhöht hat, nahm das durchschnittliche Menarchealter in den euro- päischen Ländern innerhalb von knapp 150 Jahren um mehr als fünf Jahre ab: von damals 18 auf heute unter 13 Jahre. Die Einflussfaktoren auf das Menopausealter sind vielfältig untersucht. Hierzu gehören ethnische, hereditär familiäre, nutritive und toxische Aspekte sowie die Parität. Wie genau diese einzelnen Faktoren das Erreichen der Menopause beeinflussen, ist meist nur in Ansätzen verstanden; wenngleich das Ergebnis – die komplette ovarielle Entleerung von gonadotropinresponsiven Follikeln – klar definiert ist.
Während also die Menopause im Wesentlichen peripher ovariell determiniert ist, kommt die Menarche als Ergebnis hypothalamisch hypophysärer Einflüsse zustande. Denn erst durch das Auftreten koordinierter GnRH-Pulse kommt es zur zyklischen Rekrutierung der schon ab dem frühen Kindesalter initial rekrutierten kleinen Antralfollikel. Angesichts der anatomischen und funktionellen Nähe von limbischem System und Nukleus supraoptikus zu Hypothalamus und Hypophyse verwundert es also aus neuroendokriner Perspektive keineswegs, dass das Menarchealter auch erheblichen zentralnervösen und damit psychosozialen Einflüssen unterliegt (vgl. korasion: Bedeutung des psycho-sozialen Umfeldes damals und heute). Es scheint durchaus vorstellbar, dass das Heranwachsen von Mädchen in einem modernen, sexuell aufgeklärten und intensiv mit Sexualität konfrontierten Umfeld quasi kollektiv zu einer frühzeitigen sexuellen Differenzierung sowie einer früheren Menarche führt.
Was auch immer der zugrunde liegende Mechanismus sein mag: Aus dem deutlich früheren Menarchealter resultieren erhebliche Anforderungen an uns Frauenärzte: So vergehen bis zur Geburt ihres ersten Kindes mit durchschnittlich etwa 30 Jahren für eine Frau inzwischen nahezu zwei Jahrzehnte, in denen ein bewusster und verantwortlicher Umgang mit Sexualität und Fruchtbarkeit erforderlich ist, einschließlich meist auch einer situationsadaptierten Kontrazeption. Wie die einschlägigen Umfragen zeigen, sind wir auch in dieser Phase meist primärer Ansprechpartner und Ratgeber (vgl. gyne 3/2011, Jugendsexualität in Deutsch- land: Aktuelle Daten und ihre Bedeutung für Aufklärung und Beratung). Hierauf sollten wir vorbereitet sein!
Ich wünsche Ihnen einen schönen Februar und einige erholsame Wintertage, gegebenenfalls im Schnee!
Ihr
Christian J. Thaler
Bildnachweis: privat

